Greenwich (London)

 Greenwich (London)

Mit dem Stadtteil Greenwich verbindest du wahrscheinlich sofort Nullmeridian. Und richtig, hier verläuft die Grenze Ost / West.

Aber erst einmal der Reihe nach. Greenwich liegt südlich der Themse direkt gegenüber der Docklands und hat einige Highlights für deinen Londonbesuch zu bieten.

Die Cutty Sark, das National Maritime Museum und der Greenwich Park liegen alle dicht beieinander und können zu Fuß erkundet werden. Für die Besichtigung aller drei solltest du mindestens 1 Tag einplanen oder es so machen wie ich und einfach öfters kommen.

Cutty Sark

London - Greenwich (London)

Die Cutty Sark liegt gleich neben der Themse und gilt mit ihrer imposanten Erscheinung als Wahrzeichen von Greenwich. Mit ihrem Besuch tauchst du tief in die Geschichte des 19. Jh. ein, in der dieser Klipper reich beladen aus aller Welt zurück kam und seine Waren in den Docklands löschte.

Fahrten nach China

Am 22.11.1869 lief das Schiff in Schottland vom Stapel und war eines der schnellsten seiner Art, denn sein Rumpf ist mit speziellen Kupferplatten verkleidet. Es war für den Teehandel mit China ausgelegt und konnte 600.000 kg Tee in Kartons verpackt transportieren. In seinem Laderaum findest du die Geschichte ausführlich beschrieben. Für die Reise nach Shanghai benötigte die Cutty Sark 89 Tage und nach Honkou 109. Vor Ort blieb sie in der Regel einen Monat zum ent- und beladen und so dauerte eine Reise mindestens 10 Monate oder länger. Diese Fahrten konnte sie nur 8 Mal machen.

Die Ironie des Schicksals hatte nämlich dazu geführt, dass 5 Tage vor dem Stapellauf der Cutty Sark der Suezkanal eröffnet wurde. Er verkürzte die Reisezeit nach China auf 60 Tage. Leider kann er aufgrund ungünstiger Winde nicht von Seglern befahren werden. In seiner Geburtsstunde war die Technologie des Schiffes somit schon überholt und das Zeitalter der Dampfschiffe begann.

Reise nach Australien

Die Reeder nutzten aber das feine Schiff ab 1883 für Reisen nach Australien. Denn für so weite Reisen über das Meer waren die Dampfschiffe nicht geeignet, da sie in regelmäßigen Abständen Kohle vom Festland bekommen mussten. In Australien holte sie natürlich keinen Tee, sondern die besondere Australische Wolle, der dort gezüchteten Merino-Schafe. In den 12 Jahren, in denen sie die Reise machte, schaffte sie es in weniger als 70 Tagen und galt als schnellster Woll-Klipper überhaupt. Diese glorreiche Zeit endete 1895 und sie wurde nach Portugal verkauft.

Die Jahre als Museum

1922 kam sie völlig heruntergekommen nach London und wurde von einem ehemaligen Kapitän wiedererkannt. Er kaufte sie dem damaligen Portugiesischen Reeder für 3.750 Pfund ab und restaurierte sie liebevoll mit seiner Frau. 1936 schenkte die Witwe des Kapitäns dann das Schiff dem Thames Nautical Training College. 1954 wurde es in ein Dock in Greenwich gebracht und 1957 als Museum eröffnet.

Nach 50 Jahren war der Klipper erneut in schlechtem Zustand. Der Rumpf war völlig verrottet und musste erneut renoviert werden. 2006 begannen die Arbeiten und 2007 entstand durch einen defekten Staubsauger ein Brand, bei dem der Schiffsrumpf weitgehend ausbrannte. Glücklicherweise war die Hälfte der Schiffsausrüstung ausgelagert.

Besichtigung heute

2012 wurde das Schiff dann wieder eröffnet und erzählt seine beeindruckende Geschichte im Laderaum. Auf dem Oberdeck kannst du die vornehmen Kajüten der Offiziere bewundern und den fantastischen Blick in die Takelage genießen, die sich wie ein Spinnennetz über dem Deck erhebt.

Um ein erneutes Verrotten des Holzes im Wasser zu verhindern, wurde das gesamte Schiff mit Stahlträgern verspannt und schwebt nun über dem Dock in luftiger Höhe. Wenn du direkt darunter stehst, kannst du die besonderen Metallplatten sehen, die den Bewuchs mit Meereszeugs wie Seepocken minimierte. Wenn ich ehrlich bin, dann fühlt sich das schon ein bisschen komisch an. Ein 90 m langes Schiff schwebt über dir – fast wie bei Peter Pan – nur ohne Feenstaub.

Unter dem Schiff befindet sich ein Café und eine unglaubliche Sammlung an Galionsfiguren. Mit ihrer Vielfalt zählt sie zu den größten ihrer Art. Die Galionsfigur der Cutty Sark ist übrigens die Hexe Nannie aus Bruns Gedicht. In der Hand hält sie einen Pferdeschweif. Den Hintergrund der Geschichte fand ich erst im Urlaub in Schottland heraus. Es gibt schon manchmal seltsame Zufälle – oder?

London - Greenwich (London)

Apropos Zufall – falls du die Serie aus den 80ern „Dempsey und Makepeace“ kennen solltest – da siehst du die Cutty Sark noch im Dock sogar im Vorspann.

National Maritime Museum

London - Greenwich (London)

Nicht weit von der Cutty Sark befindet sich das National Maritime Museum. Wenn du schon Berichte von mir gelesen hast, wirst du wissen, dass ich Modellschiffe liebe: Winzig klein und doch bis ins letzte Detail originalgetreu. Wenn sie dir auch gefallen, dann ist das National Maritime Museum genau das Richtige für dich. Es liegt nicht weit von der Cutty Sark entfernt. Die glorreiche Geschichte der Britischen Seefahrt wird über mehrere Etagen dargestellt. Die Modelle sind zum Teil mehrere Meter groß und wirklich beeindruckend.

Es gibt Ausstellungen zum Handel der East India Company und Asien – dem Handel mit dem Orient und dann den Atlantikhandel mit Sklaven. Eine extra Ausstellung ist Nelson und der Navy gewidmet. Dort ist die Uniform zu sehen, die Nelson trug, als er tödlich verwundet wurde. Der Union Jack, der seinen Sarg zierte ist ebenfalls dort bzw. nur ein Teil, denn nach der Beerdigung wurde die Fahne zerrissen.

Ein absolutes Highlight ist die goldene Staatsbarkasse von Friedrich, Prinz von Wales. Schau dir nur die genialen Schnitzarbeiten an, die mit Gold überzogen wurden.

Am Eingang befindet sich eine Wand mit Galionsfiguren – so unterschiedlich, wie du dir nur vorstellen kannst. Nicht nur schöne Frauen zierten den Bug der Schiffe, oft wurden auch Darstellungen der Besitzer angefertigt oder verschiedene Berufe gezeigt. Mehr siehst du bei der Cutty Sark.

Eine Bildergalerie zeigt zudem Gemälde von Schlachten und stilvolle Momente der Windjammer. Mehr zur Problematik des Navigierens erfuhr ich unerwarteter Weise im Royal Observatory und die Gründe für die Ablösung der Segelschiffe durch Dampfschiffe beim Besichtigen der Cutty Sark.

Moderne Boote werden ebenfalls ausgestellt, um das Bild der Marine und Schiffe abzurunden.

Royal Observatory

London - Greenwich (London)

So nun kommen wir endlich auf den Nullmeridian zurück. Den findest du im Royal Observatory und das liegt im Greenwich Park auf einem Hügel. Dieser Park ist der älteste königliche Park Londons und ist ein wahrer Besuchermagnet, denn von hier hast du einen gigantischen Blick auf die Stadt.

Das Royal Observatory ist in zwei Bereiche unterteilt und der Eintritt in das Astronomy Centre ist frei. Wenn du nur den Nullmeridian sehen möchtest, dann kannst du das vor dem Observatorium. Wenn du allerdings ein Bild mit dem Symbol der Erdkugel möchtest, musst du in der Regel warten. Ein Foto mit einem Fuß einmal auf der Westhalbkugel und dem anderen auf der Osthalbkugel kannst du aber überall machen. Der Meridian ist über den ganzen Hof eingezeichnet. Um genau zu sein, könntest du das Bild sogar auf 20.003,9 km machen, denn so lang ist der Meridian genau. Wozu sich also für ein Foto anstellen?

Was ist ein Meridian?

Ein Meridian ist diejenige gedachte Linie, die senkrecht zum Erdäquator vom Nord- zum Südpol läuft. Der Nullmeridian ist der willkürlich festgelegte Meridian, von dem die geografische Länge nach Osten und Westen gezählt wird. In einer Meridiankonferenz wurde 1884 die Sternwarte in Greenwich dafür festgelegt, den davor waren unterschiedliche Nullmeridiane in Gebrauch.

Wissenswertes

So nun aber zur Geschichte des Observatoriums: 1675 ließ Karl II das von Christoher Wren entworfene Flamsteed House bauen. Es entstand auf den Fundamenten von Greenwich Castle und enthielt bereits den Octagon Room und ein einfaches Apartment für den Hofastronomen mit seiner Familie.

Beides kannst du besichtigen und im ganzen Haus gibt es unzählige Fernrohre zu bestaunen und die Geschichte der Astronomie wird ausführlich erläutert. Ich muss zugeben, dass ich selber ein kleines Fernrohr besitze und die Sterne schon von Kindesbeinen mein Steckenpferd sind.

Zeit und Navigation

Falls dich das nicht so interessiert, dann aber vielleicht die Geschichte der Zeit. Was gibt es da zu erzählen, denkst du nun und schaust auf deine Uhr. Schon so spät – ach. Aber weißt du, wie aufwendig es war, diese Uhr zu erfinden? Ich wusste es vor meinem Besuch nicht und es hat wie so oft eigentlich mit etwas ganz anderem zu tun.

Nämlich mit Navigation. Das hast du nicht erwartet und ich ebenso wenig. Ich dachte immer, die Seeleute hätten Sternenkarten verwendet und einen Sextanten und Kompass. Das stimmt auch – nur gibt es einen Haken dabei und der hat leider zu vielen Opfern in der Seefahrt geführt. Die Seeleute benötigten für die Bestimmung des Längengrades die genaue Uhrzeit. Ist dieser falsch berechnet, dann strandeten die Schiffe oft an Untiefen oder kamen nie am Bestimmungsort an.

Jetzt muss ich noch weiter ausholen, denn Galileo Galilei erkannte schon 1637 die Pendelgesetze und das damit Zeit gemessen werden kann und 1657 wurde von Christiaan Huygens eine Hemmung patentiert, die die Ganggenauigkeit auf 10 Sekunden pro Tag verbesserte. Stell dir nun eine Pendeluhr auf einem schwankenden Schiff vor. Das Wort „suboptimal“ fällt mir da spontan ein. Also das hat nicht wirklich funktioniert.

Um Abhilfe zu schaffen, wurde 1714 ein Wettbewerb ausgelobt, bei dem 20.000 Pfund Preisgeld versprochen wurden, wenn das Längenproblem gelöst wurde. John Harrison hatte 1713 seine erste Pendeluhr gebaut und das Temperaturproblem gelöst, dass die Länge des Pendels beeinträchtigte. Er nahm sich also dem Problem an und stellte 1728 sein Konzept vor und baute 1735 ein erstes Modell. In vier Modellen H1 bis H4 tüftele er weiter bis 1759. H1 bis H3 sind wahre Ungetüme und ungefähr so groß wie ein Koffer. H4 sieht einem heutigen Chronometer täuschend ähnlich und sein Inhalt ist auch tatsächlich der selbe. In der 81 Tage dauernden Testfahrt nach Jamaika und zurück gab es nur eine Abweichung 1 Minute und 54,4 Sekunden.

Das Ziel war also erreicht, doch John Harrison musste sich erst an das Parlament wenden, um 1765 die Hälfte des Preisgeldes zu bekommen. Nach dem Bau der H5 wurde ihm nach heftigem Streit nochmal 8.750 Pfund zugebilligt, aber die Anerkennung des Board of Longitude blieb ihm leider verwehrt. 3 Jahre später starb er, ohne zu wissen, dass er der eigentliche Erfinder der Taschenuhr war.

Erst als James Cook am 30. Juli 1775 von seiner 2. Weltreise heimkehrte und die Qualität der H4 lobte, galt das Längenproblem als gelöst. Im Observatorium sind die Modelle H1 bis H4 ausgestellt und die Geschichte dazu ausführlich beschrieben.

Der rote Ball

1833 wurde ein roter Ball auf dem Dach des Observatorium angebracht. Täglich um 13 Uhr fällt diese rote Zeitkugel nach unten und jeder kann und konnte seine Uhr genau stellen. Das Observatorium liegt erhöht und wurde daher gut vom ehemaligen Hafen gesehen. Heute bildet sich ein großer Ansturm kurz vor 13 Uhr – schon witzig, wie alle mit gezückter Kamera auf den Ball starren.

Das Observatorium ist somit viel mehr als nur eine Sternwarte: Sie teilt die Welt in Ost und West und erzählt die Geschichte der Zeit. Wie du diese nutzt, ist jedoch deine Sache.

O2

London - Greenwich (London)

Der Bau des futuristisch anmutendem O2 hat 750 Mio. Pfund gekostet. Die Mehrzweckhalle schaut aus, als sei ein Ufo auf der Greenwich Peninsula gelandet und hätte dann einfach entschieden zu bleiben. Sie dient für Konzerte und Sportveranstaltungen und innen gibt es unzählige Bars und Restaurants.

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